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Musik Zu Gast bei

Zu Gast bei DJ Ipek – Kein bellydance

So old school der Begriff auch sein mag, so gut passt „Tausendsassa“ zu ihr – denn es gibt (fast) nichts, was sie nicht kann und macht: İpek İpekçioğlu, DJ, Produzentin, Remixerin, freie Autorin, engagierte Aktivistin der LGBTI-Szene, Kuratorin des Musikfestivals Berlistanbul#25 Underground in Berlin / Istanbul oder „New Sounds of Istanbul“ im Berliner Radialsystem und Borusan Müzik in Istanbul, Initiatorin von Musikprojekten für Jugendliche, Komponistin für Filmmusik, wurde neulich zur hipsten DJane Europas gewählt, interpretiert mal eben Werke aus der Renaissance zu Elektrostücken um, produziert Musik für Opern und Theater, kuratiert des Öfteren das musikalische Programm des postmigrantischen Theaters Ballhaus Naunynstraße mit „Beyond Istanbul“, bespielt seit mehr als zehn Jahren ihre eigene Bühne beim MyFest und ist Herausgeberin der preisgekrönten CD-Reihe „Beyond Istanbul“ des Münchener Labels Trikont.

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Welche Musik machst du nun genau?

Ich nenne meine Musik Eklektik BerlinIstan. Berlin, weil ich Berlinerin bin, Istan steht einerseits für Istanbul, weil ich Post-Istanbulerin bin, andererseits steht Istan für ein Land wie zum Beispiel Hindistan (auf türkisch Indien – Anm. d. Red.), so ist für mich auch Berlin eine Landschaft mit einer eigenen kulturellen Fauna. Auf die Musik aus der Türkei nehmen meine Sounds immer Bezug. Sie reichen von traditionellen bis hin zu experimentell-elektronischen Klängen, ein hybrider Mix aus FolkElektroFusion, psychedelic Anatolian, MiddleEasternFunk/Pop und GypsyFunk. Auch türkische Tangos und Kantos der 20er, 30er aus der Türkei sind dabei, Klänge aus Nordafrika, aus arabischen Ländern, dem Balkan und sogar klassischer Musik. Ich spiele allerdings auch sehr gerne mit musikalischem Kitsch.

Wie genau bist du DJ geworden?

Ich war damals im Club SO36 in Kreuzberg tanzen. Da fragte mich einer: „Bist du türkisch?“ – „Ja.“ „Bist du lesbisch?“ – „Ja.“ Daraufhin sagte er: „Super, wir brauchen an diesem Samstag einen DJ aus der Türkei, der auf unserer ersten Queer-Party auflegen kann.“ Das war 1994 und Richard Stein der Promoter vom SO36. Ich hatte das vorher noch nie gemacht. „Pack einfach deine CDs oder Kassetten ein und komm“, sagte er. Also habe ich mir von Freunden und Verwandten Kassetten geliehen, der DJ hat mir alles gezeigt: „Mach so und so, push the button und play“. Dann ist er nach Hause gegangen, und die Leute haben bis 8 Uhr morgens getanzt. Ich bin ja eigentlich Sozialpädagogin und habe anfangs nur nebenbei aufgelegt. Seit 2000 bin ich nun selbständig als Musikerin.

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Wer hat dich musikalisch beeinflusst?

Ich bin bei meinen Großeltern mit türkischer Sanat Müzik, Özgün Müzik, der typischen Musik der türkischen Linken, und Anadolu Funk und Rock aufgewachsen, Popmusik und Arabesk waren verboten. Unsere Mutter nahm uns immer mit in die Oper und zu klassischen Konzerten, aber auch zu traditionellen Konzerte wie von Arif Saf, Zülfü Livaleneli, Selda Bagcan. Das alles hat natürlich meine Musik beeinflusst. Ich habe eben nicht nur shaka shaka bellydance, türkischen Pop und Arabesk aufgelegt, und ich war in den 90er Jahren eine der Ersten mit Oriental House und experimentellem Sound.

Spielen deine sexuelle Orientierung und deine Wurzeln heute noch eine Rolle?

Ja, ich werde leider immer noch oft auf meine Herkunft reduziert oder auf meine sozial-sexuelle Lebensweise, aber ich möchte mittlerweile einfach als Musikerin definiert werden. Am Anfang war das wichtig wegen der Sichtbarkeit als weibliche, queer lebende DJ aus der Türkei. Dabei geht es mir nur darum, die Musik und auch die Leute zu öffnen und frei zu machen für Neues.

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Was kann Musik in deinen Augen?

Durch Musik bekommt man einen anderen Zugang zu Menschen. Ich glaube, durch die Partyreihe Gayhane (Party für LGBTIs mit orientalischen und elektronischen Beats – Anm. d. Red.) gibt es zumindest hier in Kreuzberg nicht mehr so viele Berührungsängste. Ich möchte die Verschmelzung mit den Tanzenden bzw. Hörenden. Musik kann Emotionen in jedem Menschen wecken, egal, welchen Background jemand hat. Sie bietet einerseits Orientierung, andererseits macht sie uns deutlich, dass trotz unterschiedlicher Überzeugung alle die gleiche Musik mögen können.

Wann gibt es etwas Neues von Dir zu hören?

Tracks gibt es immer viele, ich produziere ja fleißig, habe auch viele Stücke auf verschiedenen Alben, aber immer noch kein eigenes. Es wird mal Zeit dafür! Ich arbeite an neuen Stücken mit der Saz-Spielerin Petra Nachtmanova und dem Multi-Instrumentalisten Ceyhun Soso Kaya. Außerdem möchte ich gerne mehr mit Live-Musikern zusammenarbeiten und größere eigene Musikveranstaltungen organisieren, von klassisch bis experimentell. Unsere Community hier ist super heterogen und diese Heterogenität sollte sich auch in den Konzerten widerspiegeln. Das ist bisher leider noch nicht der Fall.

Ganz aktuell veröffentlichen wir mit dem elektronischen Musikerinnen Kollektiv female:pressure eine Compilation zur Frauenbewegung in Rojava, das in März 2016 erscheinen soll.

 

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Credits
Text: Anna Esser
Fotos: Michael Kuchinke-Hofer