Zadiel – Wenn Bauchtanz zur Männersache wird
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Tanz & Schauspiel

Zadiel – Wenn Bauchtanz zur Männersache wird

Wir treffen Mehmet Şaşmaz alias Zadiel in dem Barbierladen seines Vaters in der Orientpassage. Die sieben Quadratmeter des Ladens werden uns schnell zu eng, daher machen wir es uns vor dem Laden gemütlich, um von Zeidel zu erfahren, wie er zum Bauchtanz, eigentlich Orientalischer Tanz, fand.

Erzähl mal, Zadiel, wie war dein aller, aller erster Auftritt?

Ohh, der erste Auftritt! Da war ich wirklich so aufgeregt, dass ich am ganzen Körper gezittert habe.

Sollst du doch auch, als Bauchtänzer …

(lacht) Ja, schon, aber ich war so aufgeregt, dass ich überhaupt nicht lachen konnte. Einige aus dem Publikum haben mir zu verstehen gegeben, ich solle doch mal lächeln. Der Auftritt fand in einem Café statt, was ich heute sicher nicht mehr machen würde. Ich war damals noch sehr jung, so sechzehn in etwa.

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Was hat dich dann zu diesem Auftritt bewegt?

Ein ganz banaler Grund: Ich brauchte Geld. Um genau zu sein: Ich wollte mir unbedingt einen permanenten Lidstrich machen lassen, und das hatte damals nun mal 400 Euro gekostet. Das war für einen Teenager eine Stange Geld.

Und ab dann warst du ein richtiger Zenne? Magst du uns zunächst kurz den Begriff erklären?

Zenne ist die korrekte türkische Bezeichnung eines männlichen Bauchtänzers. Zennes stammen aus der Zeit des osmanischen Reiches, in dem es Frauen verboten war, viel Haut zu zeigen. Es haben dann eher androgyne, junge Männer für und mit den Paschas getanzt. Das war zu der Zeit ganz normal.

Damals war es normal, sagst du. Ist es heute auch ein „normaler“ Beruf, den du da ausübst?

Es gibt Menschen, denen du sagst, du seist Tänzer, und die denken, du machst Gogo. Und dann gibt es welche, die denken, es könnte auch Ballett sein. Natürlich soll der Tanz figurbetont und erotisch wirken. Jeder Tanz wirkt auf seine Weise erotisch, aber wenn Menschen auf die Idee kommen, ihn als zwielichtig zu bezeichnen, dann scheinen sie wirklich keine Ahnung vom Schönen und Ästhetischen zu haben.

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Erntest du viele erstaunte Blicke auf einer Party oder bei einem Small Talk wenn du sagst, du seist Bauchtänzer von Beruf?

Wenn ich jemanden neu kennenlerne, dann, muss ich ganz ehrlich sagen, geniere ich mich zu sagen, dass ich Bauchtänzer bin. Letztens war ich bei einem Immobilienmakler und er fragte mich genau dasselbe. Ich antworte dann immer: „Ich bin Tanzlehrer“. Das kommt viel seriöser rüber und ich lüge damit ja auch nicht. Wenn ich erzähle, dass mein Beruf das Bauchtanzen ist, wecke ich damit viel zu viel Interesse, und es folgen viel zu viele Fragen. Darauf habe ich oft einfach keine Lust.

Und welche Fragen werden dir dann gestellt?

Die typischen Klischees kommen dann: „Warum hast eigentlich gar keinen Bauchspeck als Bauchtänzer?“. Und ich muss mich dann immer wieder erklären, dass ich ihn deshalb nicht habe, weil ich als Tanzlehrer und auch bei den Auftritten ständig in Bewegung bin – pures Ausdauertraining eben. Wie soll denn da etwas ansetzen?! (lacht)

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Ein »schönes« Klischee. Woher kommt das?

Die Medien haben das Bild einer klassischen Bauchtänzerin bisher einfach falsch vermittelt. Viel zu oft wurden füllige Hausfrauen gezeigt, die diesen Tanz als Hobby ausüben. Dieses Bild entspricht oft nicht der Realität.

Nervt es dich, dass man von der eher weiblich geprägten Tanzform auf deine Sexualität schließt, beziehungsweise Vorurteile hat?

Ich finde, die Sexualität steht in diesem Fall außen vor, denn das alles hat mit meiner Sexualität an sich nichts zu tun. Ich meine, Kunst ist ja nicht unbedingt sexuell.

Und siehst du dich als Ausnahme?

Schon, denn in Deutschland gibt es nur wenige männliche Bauchtänzer. Deswegen bin ich hier so ein Exot und kann meine Gagen schön in die Höhe treiben. In der Türkei aber gibt es recht viele Zennes. Ich werde bald für eine Weile in die Türkei reisen, um dort, wo der Bauchtanz seinen Ursprung hat, zu tanzen. Ein befreundeter Tänzer, der in Bodrum lebt und auch tanzt, rät mir aber vehement davon ab. Die Gagen seien angeblich miserabel und man müsse sich beispielsweise in Toiletten umziehen. Hier in Deutschland wird Kunst noch wertgeschätzt.

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Es gibt ja in Deutschland keine staatlich anerkannten Bauchtänzer, das heißt, jeder könnte im Prinzip Bauchtänzer werden. Würdest du das ändern wollen?

Jein! Wenn die Leute Tanzunterricht bei einem guten Lehrer bekommen, braucht es keine staatliche Anerkennung. Außerdem ist man mit einer staatlichen Anerkennung wieder abhängig von der Gesellschaft. Irgendwer aus der Gesellschaft muss dir bestätigen, dass du das, was du praktizierst, kannst. Mit den jetzigen Regelungen hat wirklich jeder die Möglichkeit, sich zu beweisen, ohne irgendwelche Zertifikate. Entweder du kannst das, was du tust, oder eben nicht. Ich habe für mich beschlossen, dass ich keine klassisch zertifizierte Tanzausbildung brauche, um Bauchtänzer zu werden.

Türkischer Bauchtanz vs. deutscher Bauchtanz; gibt es Unterschiede im Tanzstil?

Aber Sicher. Das denkt man vielleicht gar nicht. In Deutschland tanzt du als Bauchtänzer trotzdem in einer maskulinen Rolle, gerne auch mit freiem Oberkörper. In der Türkei musst du in eine Halb-Frauen-Rolle schlüpfen, und das Ganze geht eher als Unterhaltung durch, denn als Kunst. Oft haben die Bauchtänzer dann Perücken auf und auch das Kostüm hat eher einen weiblichen Touch. Ich würde in der Türkei jedoch bei meinem jetzigen Stil bleiben und mich sicher nicht verändern, nur weil der dortige Markt es so verlangt.

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Und warum beharrst du so auf deinem Stil?

Weil das meine Kunst ist. Ein Künstler verbiegt sich eben nicht. Ich beharre darauf, meine darstellende Kunst so zeigen zu können, wie ich es mir in meinem Kopf erdacht habe, um mich auf meine eigene Art und Weise auszudrücken.

Gibt es eigentlich einen Move, an dem du die ganze Zeit schon arbeitest, oder etwas, was du unbedingt noch können willst?

Ja, definitiv, den sog. „backbend“ (engl. „zurückbiegen“). Das ist die Bewegung, in der man aus dem Stand heraus den Oberkörper kopfüber nach hinten beugt. Hat jeder bestimmt schon mal gesehen. Das Besondere daran ist, dass man den Zuschauer dann auch noch kopfüber anschauen kann. Ich komme bereits ganz schön weit runter, baue den „backbend“ aber noch relativ selten in meine Show ein, da ich ihn noch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausführen kann. Das letzte Mal, als ich es eingebaut habe, schrie jemand aus dem Publikum: „Noooooochmaaaal!“. (lacht)

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Credits
Video: Sarah Ungan
Fotos: Michael Kuchinke-Hofer
Text: Melisa Karakuş