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Fotografie

Top 10 Fotobücher über und aus Istanbul

Björn Maletz ist Fotograf, Fotohändler und Fotobuchsammler aus Dortmund. Bei einer Begegnung mit dem Musiker Mercan Dede wurde seine Leidenschaft für den wilden Mix der Kulturen in Istanbul geweckt und er wurde neugierig, wie man diese Stadt auf Fotopapier bannen könnte. Postwendend fing er an Fotobücher zu sammeln und traf viele Fotografen, die sich mit Istanbul auseinandergesetzt haben. Für renk. hat er seine Top 10 Fotobücher über Istanbul zusammengestellt.

Alex Webb · Istanbul – City of hundred names

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Mit diesem Buch wurde meine Sammelleidenschaft geweckt. Webb, Vollmitglied der Fotoagentur Magnum, ist schon länger wegen seiner Straßenfotografie bekannt. Seine Einblicke in das Stadtleben, der Cultureclash, die Farben, das Aufnehmen von Licht und Schatten zeigen wohl am besten, wie die Stadt um 2000 tickte und wie Straßenfotografie funktioniert. Man merkt, wie sich Webb mit großer Zuneigung und Sensibilität der Stadt nähert. Mit einem Essay von Orhan Pamuk. (Aperture Foundation, 2007)

Ali Taptik · Istanbul’u Resmetmek

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Ali Taptik ist studierter Architekt und Fotograf und lehrt an der Istanbul Universität. Durch seinen Blick auf die Stadt habe ich ein ganz neues Bild erhalten: keine Straßenfotografie, sondern Orte ohne Menschen; verlassen, verlebt, im Auf- oder Umbau. Dieses Buch wird im „The Photobook: A History Volume III“ von Martin Parr und Gerry Badger als eines der wichtigsten Fotobücher aufgeführt und ist eine Gemeinschaftsarbeit mit Uğur Tanyeli, der eine Einführung in die Geschichte der Visualität in der Türkei beitrug. Leider ist das Buch bisher nur auf türkisch erhältlich. Sehr empfehlenswert sind auch Taptik’s Istanbul-Bücher „Kaza ve Kader“ und „Metropol Yeşili“. (Selbstvertrieb, 2011)

Kürşat Bayhan · Away from home

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Vorweg, dies ist mein Lieblingsbuch. Passend zur heutigen Zeit geht es um Arbeitsmigranten in Istanbul. Sehr gute schwarz-weiß Aufnahmen aus dem Leben der überwiegend aus Anatolien stammenden Männer, die fern ihrer Heimat in der Stadt nach Arbeit suchen, um ihre daheimgebliebenen Familien unterstützen zu können. Bewegende und emotionsgeladene Fotografien. Mit einem Vorwort der kürzlich verstorbenen Mary Ellen Mark. Für die schöne Gestaltung des Buches ist Frederic Lezmi verantwortlich. Eine offene Bindung, mit Front- und Rückcover aus Leinen. Dieses Buch steht für mich für aktuelle Reportage-Fotografie und Fotobuch-Produktion. Mark schrieb, Bayhan sei ein großer Poet – was sollte man da noch hinzufügen? (Selbstvertrieb, 2013)

Frederic Lezmi · #Taksim Calling

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Frederic gehört zum Team des Photobook Museums in Köln, er fotografierte 2013 während der Unruhen am Taksim-Platz und des nahe gelegenen Gezi-Parks. Sein „Buch“ ist viel mehr ein großes Magazin mit lose zusammengelegten Blättern. Die Aufmachung innen erinnert etwas an Instagram: Seine Fotos sind alle quadratisch im Instant-Modus aufgenommen und in Polaroid-Größe gedruckt. Sie geben einen sehr guten Eindruck des Lebens in und rund um den Protest und werden durch alte Postkarten-Ansichten des Taksim-Platzes aus friedlicheren Zeiten abgerundet. (Selbstvertrieb, 2013)

Guillame Lebrun · De l’autre côte

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Dieses Buch hat nichts mit Fathi Akın’s Film zu tun, auch wenn es zur selben Zeit entstanden ist und den selben Titel, nur eben auf französisch trägt. Schon das Cover sprach mich direkt an, und ich wusste noch nicht, dass es sich dabei um den Bosporus und überhaupt um ein Istanbul-Buch handelte. Sehr gute Portraits und Detailaufnahmen in Schwarz-Weiß. Die limitierte Auflage kam mit einem Originalabzug aus dem Buch daher. Lebrun konzentriert sich auf den Mittelmeerraum und greift Themen wie Herkunft, Grenzen und Religionen auf. (Ausstellungskatalog Les Exprimeurs, 2009)

Fatih Kurceren · Istanbul diary

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Fatih’s Buch ist ein Einzelstück. Ich habe es im Dortmunder U auf dem SCHAU Fotofestival gesehen. Er selbst war nicht vor Ort, da habe ich ihn kontaktiert und gefragt, ob er das Buch auch verkauft. Er hatte nur das eine, bot es mir  glücklicherweise an. Es ist ein Tagebuch von seinen Reisen nach Istanbul zwischen 2010 und 2014 und zeigt seine persönlichen Eindrücke, teils erinnern sie an Urlaubsschnappschüsse, teils sind es Straßenfotografien oder richtig gute Portraits. Dieser Mix des in Oberhausen lebenden Fotografen gefiel mir auf Anhieb. (Selbstvertrieb, 2014)

Alexandra Breitenstein · The gray painters / Getting wasted in Istanbul-Ankara

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Alexandra lebte in Istanbul und fotografierte, wie Frederic Lezmi, während und nach den Aufständen am Gezi-Park die übertünchten Parolen der Demonstranten. Das Erdoğan-Regime lies diese nämlich umgehend mit grauer Farbe übermalen, damit man nichts mehr von den Unruhen und schon gar nicht die Meinungen anderer sah. Das Schöne an diesem Buch: Im Anhang findet man noch Lomographien ihrer Wege und Portraits der Begleiter der Fotografien in Text und Bild. (Ausstellungskatalog/Selbstvertrieb, 2014)

Karsten Kronas · Beyoğlu Blue

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Kronas fotografierte in der transsexuellen Szene Istanbuls im Stadtteil Beyoğlu. Dort befindet sich die berühmte Einkaufsstraße Istiklal, Bars und Nachtclubs. Nur hier lassen sich Subkulturen halbwegs frei ausleben. Halbwegs. Jüngst ging die türkische Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Gay-Pride-Parade vor und löste diese gewaltsam auf. Ein weiteres Zeichen dafür, wie wichtig Kronas’ Werk ist. (Kehrer Verlag, 2010)

Boogie · Istanbul

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Boogie ist bekannt für seine harte aber ehrliche schwarz-weiß Fotografie. Er begibt sich an Orte, die von den meisten Menschen gemieden werden. Nebenbei arbeitet er auch als Fotograf für Nike- oder Lee Jeans-Kampagnen. Das Buch über Istanbul zeigt Fotografien aus einer einzigen Woche im Mai 2007, ein starker Blick auf Film gebannt. Typisch und klischeebehaftet ist sein Foto aus Tarlabaşı, einem armen Stadtteil Istanbuls: kleine Jungen, die mit Pistolen spielen. Er machte es gleich zum Cover und zeigt irgendwie doch einen liebevollen Umgang damit. (Selbstvertrieb, 2008)

Anna Lechner · ARA – Die Welt zwischen Istanbul

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Anna Lechner begab sich aufs Wasser, zu den zig Fähren, die den Bosporus überqueren und tausende Menschen morgens zu ihren Arbeitsplätzen und abends wieder zurück nach Hause bringen. Die Fähren sind ein Rückzugsort vom Lärm der Millionenmetropole. Hier trinkt man Çay, genießt die Ruhe und füttert die mitfliegenden Möwen. Lechner fotografierte die Menschen und Eindrücke während der Überfahrt und vermittelt ein Gefühl, welches Orhan Pamuk einmal sehr gut zusammengefasst hat: Hüzün. Nicht Melancholie, nicht Tristesse oder Deprimiertheit, sondern eine Art Schwermut. (Verlag Kettler, 2012)

Diese Liste beinhaltet aktuelle und eher junge Foto-Künstler, die alle eine völlig andere Herangehensweise haben und so ein sehr interessantes und breites Bild von Istanbul vermitteln. Bewusst habe ich den wohl bekanntesten Istanbulfotografen Ara Güler, der wohl allein die Liste füllen könnte, ausgelassen, um neueren Stadtbetrachtungen Platz zu geben.

Empfehlung Nummer 11 ist ein bald erscheinendes Werk des Engländers Charlie Kirk, der bis vor kurzem in Istanbul lebte und mir bei einem Istanbul-Besuch schon eine Auswahl seiner überwiegend in der Stadt, aber auch in der Grenzregion zu Syrien erstellten analogen Fotografien zeigte, auf die es sich zu warten lohnt.

Hier noch weitergehende Buchempfehlungen:
Ara Güler · Istanbul (DuMont Buchverlag, 2010)
Mustafa Seven · Istanbul photographs in instagram (Inkilâp, 2014)
Andreas Herzau · Istanbul (Hatje Cantz Verlag, 2010)
Andrea Künzig · Istanbulum (Kehrer Verlag, 2010)
Ilker Maga · Istanbul (Edition M, 2010)
Rudolf René Gebhardt · Istanbul (Brigg Verlag, 1981)
Paul Veysseyre · Istanbul – Gateway to happiness (éditions djahânnâma, 2012)
FH Mainz Fotografie · Essen, Pécs, Istanbul – Quer durch Europa – Die europäischen Kulturhauptstädte 2010

Credits
Text & Fotos: Björn Maletz