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Design & Kunst Grafik

Şişhane grüßt Nordstadt

In der Dortmunder Nordstadt wurde vorgestern Abend die dreitägige Ausstellung, mit dem Titel „Mit Grüßen aus Istanbul“ eröffnet. Sie ist das Resultat eines Seminars an der Fachhochschule Dortmund dem Fachbereich Design unter der Leitung des Lehrbeauftragten und freischaffenden Designer Pierre Kracht.

Noch einmal für diejenigen, die es nicht wissen, worum geht es in eurem Seminar an der FH Dortmund?

Hauptsächlich geht es um Menschen. Um reale Kontakte, die durch Design entstehen und so Menschen grenzübergreifend verbinden. Wir wollen die Kommunikation und die Vernetzung in unserer Stadt fördern und die Hochschule nach außen öffnen.
Die Studenten waren aufgefordert türkischstämmige Ladenbetreiber kennenzulernen, ihren Bedarf zu erkunden und Produktvorschläge zu unterbreiten. So wurden Einzelstücke für Orte entworfen, an denen man sie für gewöhnlich nicht erwarten würde. Schließlich folgte die Umsetzung unserer Ideen mit einer Reise in Istanbuls Handwerkerviertel Şişhane. Entstanden ist ein Projekt, das Menschen verbindet, Geschichten erzählt und tiefe Freundschaften entstehen ließ.

Wie kam die Kooperation zwischen „made in şişhane“ und „Mit Grüßen aus Istanbul“ zustande?

Ein Jahr vor unserem Projekt war ich Teil des „made in şişhane“-Projektes, bei dem wir im Rahmen der Istanbul Design Biennale, Objekte für Şişhanes Ladenbesitzer entworfen und angefertigt haben.

Was macht Şişhane besonders?

Die konzentrierte Vielfalt der handwerklichen Fähigkeiten ist absolut einzigartig. Tischler, Dreher, Drahtbieger: Alles Erdenkliche kann und wird hier gefertigt. Kommt ein Handwerker an die Grenzen seiner Möglichkeiten, wird das Objekt eben kurzerhand in der Nachbarwerkstatt fertiggestellt. Die Handwerker sind höchst flexibel und tragen einen beispiellosen Mitmachgedanken in sich, der sowohl die Nachbarwerkstätten im Viertel als auch den Designer und Kunden aktiv miteinbezieht.

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Findet man in Deutschland ähnliche Handwerker-Viertel wie Şişhane?

Bei uns würde so schnell niemand darauf kommen, neben den bereits bestehenden zehn Tischlereien, noch eine elfte zu eröffnen. Aber genau so läuft es in Şişhane. Es gibt ganze Straßenzüge in denen ausschließlich Lampen, Musikinstrumente oder Möbel gefertigt werden. Zwar sind die Unterschiede der einzelnen Geschäfte und Werkstätten für Außenstehende nur selten erkennbar, aber man kann sich sicher sein, dass man durch das funktionierende Netzwerk und die herzliche Gastfreundschaft von den Handwerkern und Ladenbesitzern an den richtigen Ort geleitet wird.

Gibt es einen Unterschied zu der traditionellen Handwerkskunst zwischen Deutschland und der Türkei?

Natürlich gibt es Unterschiede. Neben den kulturell unterschiedlichen Vorlieben für z.B. Muster oder bestimmte Materialien, wird in der Türkei generell viel mehr improvisiert. Der Entstehungsprozess hat einen anderen, höheren Stellenwert. Während wir in Deutschland eine professionelle, genaue und ebenmäßige Umsetzung mit professionellem Werkzeug schätzen, wird in Şişhane aus allem Möglichen überhaupt erst einmal ein passendes Werkzeug gedengelt. Die Spuren des Handwerks sind bei jedem Objekt sichtbar und werden, anstatt sie auszubessern oder zu verstecken, stolz präsentiert; denn genau diese Spuren machen es zu dem, was es ist: ein handgemachter, lebendiger Gegenstand mit individueller Geschichte.

Was bedroht die türkische Handwerkskunst in Şişhane?

Die dort ansässige Handwerkskunst wird hoffentlich nicht so schnell aussterben. Allerdings gibt es Pläne, die Handwerker und ihre Werkstätten aus der Stadt zu verdrängen, um neuen, schicken Geschäften Platz zu machen. Langsam aber sicher müssen dann die Handwerker in die großen Industriegebiete übersiedeln, weil sie die steigenden Mieten nicht mehr zahlen können.

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Was kann man als Designer anders machen um derartige Traditionen zu erhalten?

Als Designer hat man nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, sich mit der Produktionsweise und damit der Seele seiner Objekte und Produkte auseinander zu setzen und darüber bewusst zu sein.

Hat das Projekt unmittelbar Auswirkungen für die beteiligten Handwerker gehabt?

Eine ganz unmittelbare Wirkung ist natürlich das Geld, der bezahlte Job. Langfristig muss eine Öffentlichkeit geschaffen werden. Je bekannter und populärer das Viertel auch im Ausland ist, desto schwieriger wird es, Şişhanes Werkstätten aus der Stadt zu verdrängen. Mein Ziel ist es, so viele Designer und Künstler nach Şişhane zu bringen, wie nur möglich. Istanbul und seine Menschen werden den Rest dazutun.

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Gibt es schon weitere geplante Kooperationen mit anderen Hochschulen um das Projekt voran zu treiben?

Wir arbeiten an freien Workshops, an denen sowohl Studenten als auch bereits studierte Designer und Künstler teilnehmen können. Das Projekt befindet sich im Prozess, wir schließen niemanden und nichts aus. Wer Interesse hat an Inspiration und Umsetzung, an völlig anderen Möglichkeiten und Menschen, ist herzlich dazu eingeladen.

www.mitgruessenausistanbul.de

Fünf individuelle Einzelstücke

Ob es der multifunktionale Spiegeltisch, das Bücherpodest für die Auslagefläche des Buchladens, der Dönerhalter für den Kebabladen, eine soziale Obstlkistenhalterung für den Obst und Gemüsehändler oder die atmosphärischen Lampen für den Knabberladen sind, alle Objekte decken einen individuellen Bedarf.

BAK – SILAS MARKET
Lilly Görnemann

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Durch die bunt gefüllten Obst und Gemüsekisten stellt Herr Hacis Geschäft am Nordmarkt einen ansprechenden Blickfang dar. Der sich direkt neben dem Geschäft befindende Stromkasten wurde kurzerhand zur Ablagefläche kostenloser Nahrungsmittel umfunktioniert.

Die soziale und zugleich nachhaltige Idee, zum Verkauf ungeeignete, aber noch genießbare Ware zu verschenken griff die Designerin auf und entwickelte eine, an ein Geschenkband erinnernde, Kistenhalterung um die ansprechende Geste zu unterstreichen und das soziale Miteinander zu fördern.

BAKIRLARA – DOST KITABEVI
Ceren Bulut, Ebru Durmus

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Dost Kitabevi – „Ein Buch ist dein bester Freund“. Der Name ist Programm – von Lyrikbänden bis Kinderbüchern bietet die vor neun Jahren gegründeten Buchhandlung den größten und aktuellsten Präsenzbestand türkischer Literatur in Deutschland.

Um die vielfältigen Titel angemessen zu präsentieren, wurden Buchpodeste für die Ausstellungsfläche des Geschäftes gestaltet. Als Vorlage dienten geometrische Formen aus der türkischen Buchkunst, sodass die einzelnen Formen ein Muster ergeben, welches unendlich fort geführt werden kann.

DÖNER NUR NOCH SCHÖNER – TURKA KEBAP HOUSE
Anneli Koch

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Der sympathische Ladenbesitzer Cemil Güler und sein freundliches Team bieten – von Baklava bis Köfte – vielfältige Spezialitäten der türkischen Küche an.

Speziell für den Verzehr eines richtig leckeren Döner Kebap wurde eine sowohl praktische, als auch edle Serviermöglichkeit gestaltet. Angerichtet auf einem handverzierten Holztablett sorgt die V-förmige Halterung dafür, dass der köstliche Inhalt nicht heraus fällt. Afiyet Olsun!

NOHUT LAMBA – MUSKARA
Katja Hofschröer-Elbers, Cynthia Wagner

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Seit acht Jahren führen Recep und Suna Yalniz liebevoll ihr Ladenlokal am Borsigplatz und bieten dort vielfältige Leckereien von süß bis salzig an.

Entwickelt wurden, aus Stahl gebogene und verkupferte, Lampenschirme für den Sitzbereich des Knabberladens, welche sich mit ihrem Design auf die organische Form der Kichererbse beziehen. Die „nohut lamba“ schafft eigene Kommunikations- und Essbereiche und lädt als Lichtinstallation mit ihrer atmosphärischen Beleuchtung zum längeren verweilen ein.

SPIEGELTISCH
Kathrin Rutschmann

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In Auseinandersetzung mir der türkischen Essenskultur entstand der multifunktionale Spiegeltisch, welcher sich beliebigen Wohnsituationen anpassen kann. Inspiration kam dabei von dem mobilen Bodentisch „sofra“ und dem Kupfertablett „tepsi“, welche zum servieren und essen von Speisen genutzt und dann an der Wand verstaut werden können.

Bestehend aus einem Gestell aus massiver, türkischer Eiche und einer polierten Kupferplatte dient das Designobjekt als kleiner Beistelltisch, an die Wand gehängt funktioniert es als Spiegel.

Fotos Ausstellung: Cynthia Wagner
Beschreibung der Einzelstücke: http://istanbulprojekt.blogspot.de