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Shermin Langhoff – „Aus Geschichten wird Geschichte gemacht“

Wenn Shermin mit ihrer schwarzen Bomberjacke den Raum betritt, spürt man die rebellische Energie, mit der sie ihre vollgestopften Tage bestreitet. Sie hat schon im Verlagswesen, beim Film und beim Fernsehen gearbeitet, ein Off-Theater gegründet und einen eigenen Begriff geprägt: das „postmigrantische Theater“. Seit 2013 leitet sie das kleinste der Berliner Staatstheater: das Gorki. Wir haben mit ihr über ihre Arbeit gesprochen und über Kunst, die etwas verändern will.

Shermin, vor einem Jahr wurdest du als erste Intendantin mit Migrationshintergrund an einem Berliner Staatstheater gefeiert. Inszenierungen unter deiner Leitung werden stets im Lichte deiner Migrationsgeschichte interpretiert. Nervt dich das?

Nein, gar nicht. Damit habe ich ganz klar hantiert, nach außen sowie nach innen. Ich gehöre zu den „Abitürken“ der zweiten Generation. Die wenigen, die es in der Kunst geschafft haben, hatten ständig Paranoia zu sagen, dass sie Türken sind. Sie haben immer ergänzt: „Aber ich habe Abitur und komme aus einer Familie, die nicht so ist, wie die anderen.“ Eine Abgrenzung von denen, die aus Anatolien kommen, hat mich noch nie interessiert. Meine Strategie war schon immer anders.

Was ist deine Strategie?

Ich fahre eine Empowerment-Strategie der Aneignung: „Du willst mich zum Türken machen? Das kann ich besser! Ich weiß nämlich viel besser, wie heterogen der Türke ist.“ Wenn mich hier also irgendjemand definiert, dann bin ich das. Ich nehme mir diese Hegemonie und gehe damit subversiv, postmigrantisch und provokativ um.

Subversiv und postmigrantisch – Worte aus den Zeiten des Ballhaus Naunynstraße. Was interessiert dich am Theater als Kunstform so sehr?

Es sind Geschichten, die mich interessieren. Aus Geschichten wird Geschichte gemacht und werden Identitäten konstruiert. Statt Geschichten kann man auch Narrationen sagen. Mich interessieren nicht nur die Erzählungen, die vor 3000 Jahren entstanden sind, sondern auch die, die in den letzten 100 Jahren „hinzugezogen“ sind – und vor allem deren Komplexität und Heterogenität.
Das Theater ist ein ganz besonderer, emotionaler und politischer Möglichkeitsraum, in dem man analog Emotionen, Menschen und eben Geschichten begegnet. Das gilt gerade heute in einer überdigitalisierten Welt, deren Komplexität nicht einfach erfassbar ist. Bei meiner eigenen Entscheidung ans Theater zu gehen, habe ich mich gefragt: Wo sind die Medien, wo die Räume, in denen Geschichten weiter gegeben werden, das heißt Wissensvermittlung und Meinungsbildung stattfindet?

„Sowohl in der Bildung als auch im Theater haben wir eher Rückschritte gemacht!“

 

Du möchtest mit Theater also die Vorreiter unserer Gesellschaft beeinflussen?

Es geht darum, sich zu öffnen. Theater war traditionell ein Medium des Bürgertums. Nachkriegsdeutschland und Nachkriegstheater haben versucht, einen Zugang für alle zu schaffen. Das ist nicht unbedingt gelungen. Im Gegenteil: Sowohl in der Bildung als auch im Theater haben wir eher Rückschritte gemacht, was die Teilhabe der Gesamtbevölkerung betrifft. Es gehen heute weniger Menschen ins Theater und sie sind nicht sozial durchmischter als noch vor 30 Jahren. Ich möchte das aufbrechen. Immer unter dem Gesichtspunkt, dass ich Kunst als Praxis zur gesellschaftlichen Veränderung verstehe.

Stichwort gesellschaftliche Veränderung: Du hast einmal gesagt: „Wenn Kunst nicht um gesellschaftliche Veränderungen ringt, interessiert sie mich nicht.“ Welche gesellschaftliche Veränderung strebst du an?

Es gibt nicht die eine gesellschaftliche Veränderung. Da ist wahnsinnig viel, was veränderungswert wäre. Grundsätzlich geht es mir um eine bessere Verteilung von Ressourcen in der Stadt, in dem Land und auf der Welt, in der ich lebe. Und es geht mir um Bewusstmachung von gesellschaftlichen Prozessen.

Was heißt das konkret?

Das betrifft zum Beispiel die Erinnerungskultur unseres Landes. Deutschland arbeitet seine Nazi-Vergangenheit auf, schließt aber die Augen, wenn es um die Aufklärung der NSU-Verbrechen geht. Da wird etwas verschwiegen, was der eigentlich demokratisch verfassten Bundesrepublik nicht passt. Das finde ich schrecklich. Vor allem auf Basis der Erfahrung aus der Geschichte, dass Monokulturalismus das schlimmste ist, was man tun kann.

Versuchst du das Ringen um gesellschaftliche Veränderung in der Arbeit hier im Theater umzusetzen?

Ich habe keinen Politauftrag, mit dem ich rausgehe und Inszenierungen mache. Es gibt aber das Konzept des Hauses, das sich für diese Stadt und ihre Konflikte interessiert. Das Gorki ist ein Theater, das politisch mitmischen will. Wir arbeiten vor allem mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen, die den Anspruch haben, über ihre künstlerische Arbeit hinaus zu wirken.

So wie die Künstler des Zentrums für politische Schönheit …

Ja, die Performance „Europäischer Mauerfall“ hat Aufmerksamkeit für die katastrophale Situation der von Flucht betroffenen Menschen an den EU-Außengrenzen erzeugt. Und sie hat das zu einem Zeitpunkt getan, als überall in der Stadt wohlfeile Gedenkreden zum Mauerfall gehalten wurden. Da sprach etwa der Bürgermeister davon, dass man sich mit keiner Mauer in dieser Welt abfinden dürfe. Die Künstler vom Zentrum für Politische Schönheit haben diesen Gedanken ernst genommen und sind zu den  Grenzen gefahren, um neuere Mauern um Europa einzureißen. Dass über Ihre Aktion so hitzig debattiert wurde, zeigt, dass ihre Arbeit einen ungeheuren Denkprozess ausgelöst hat.

Letzte Frage, Shermin: Was macht das Gorki zu einem besonderen Theater?

Wir verstehen Theater als Identifikationsmaschine. Das heißt, es gibt Protagonisten und Geschichten, mit denen man sich Identifizieren kann. Wir haben nicht nur Regisseure und Regisseurinnen, mit denen verschiedene Stile repräsentiert werden, sondern wir bieten mit vielen unterschiedlichen Projekten diverse Identifikationsmöglichkeiten an.
Stücke wie „Small Town Boy“ zum Beispiel ziehen mit Falk Richter, einem bekannten Regisseur, die Theaterkenner an. Weil im Stück aber auch Schwulsein, Coming Out und der Hinzug in die Großstadt thematisiert wird, kommen, neben Theatergängern, auch Studenten und die LGBTT Community aus Berlin. Auf einmal hast du eine Vervielfältigung. In „Small Town Boy“ wird außerdem ein politischer Monolog gesprochen, der kritisch reflektiert, was zur Zeit an Homophobie in Russland passiert. Dieser Monolog wurde komplett auf einer Demonstration von „Enough is Enough“ gelesen. Da dringt Theater in die Wirklichkeit und umgekehrt.

Credits
Text: Lily Martin
Fotos: Nikolai Ziener

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